Fotografie | Was ist Wirklichkeit und was nicht?

Fotografie

Der Anspruch an meine Fotografie ist, dass ich die echte Welt einfangen möchte; einen Ist-Zustand, auf dem man sich wiedererkennt. Idealerweise gern wiedererkennt. Nun ist die zentrale Frage aber

Was ist echt? Was ist Wirklichkeit? Oder ist alles nur Illusion?

Nun ja – große Teile der Wissenschaft zeigen uns recht eindrücklich, dass die „objektive Realität“ ein schwieriger Begriff ist. Unser Gehirn verarbeitet die Reize, die ihm die Sinne übermitteln und baut daraus ein Bild. Das schöne daran: Das Gehirn ist kreativ und gestaltet dieses Bild bunt, lecker, laut und weich. Das schwierige daran: Dein Gegenüber bastelt im gleichen Moment an der gleichen Stelle ein komplett anderes Bild. Und beides sind Trugbilder. Ihr braucht gar nicht erst anfangen zu streiten, wer Recht hat. Beide haben Recht – und auch nicht.

Und doch: Wir bilden uns doch ein beurteilen zu können, ob etwas physikalischen Gesetzen folgt, ob etwas gut schmeckt oder das Lächeln von jemandem echt oder künstlich ist. Und trotzdem: Das kann jeder nur für sich entscheiden und ob es am Ende stimmt, wissen wir nicht.

Deswegen verschiebe ich das Thema, ob ein Bild echt oder eine Person authentisch wirkt, auf eine persönliche und gesellschaftliche Ebene: Die Menschen eines Kulturkreises machen ähnliche Erfahrungen und lernen ähnliche Dinge. Ich behaupte, dass wir deswegen recht zuverlässig und flächendeckend beispielsweise ein Lächeln als echt oder unecht bewerten und erkennen, ob es aus tiefster Seele kommt oder fürs Foto aufgesetzt ist.

Ich möchte Dich als Person und nicht nur Deine Rolle fotografieren

Der Rollengedanke ist nicht neu und ich habe zudem schon oft gelesen, dass man quasi nie ohne Rolle auftritt. Man sucht sich für unterschiedliche Situationen eben nur die entsprechenden Masken aus. Eine für die Familie (Du spielst Mama), eine für die Arbeit (Du spielst Lehrerin mit Kinder, die Schüler spielen sollen) und dann noch die Freizeitmaske.

Fotografie wird für mich spannend, wenn ich das Verbindende, das Echte entdecken kann. Ich sehe es in scheinbar unbeobachteten Momenten und wenn ihr mit etwas beschäftigt seid. Ich sehe es bei Stimmungswechseln und wenn die Emotionen uns überrollen. Je länger wir uns miteinander beschäftigen, desto öfter und selbstverständlicher tritt das Authentische zutage. Wenn Du Dich auf den Fotos wiedererkennst, ist das Ziel erreicht 😉

Dazu gehört auch, dass ich Bildbearbeitung nur so sparsam einsetze, dass sie nicht zu erkennen ist. Falten gehöre zu euch, Pickel nicht zwingend. Dass die Bilder einer Serie eine einheitliche Farbstimmung haben, ist teilweise der zeitintensivste Teil der Bildbearbeitung. Mehr ist in der Regel nicht zu tun.

PS: Ich bin übrigens ein absoluter Verfechter der digitalen Fotografie. Angefangen habe ich freilich analog aber digital ist meins! In einer Stunde 500 Bilder machen und dann die Rosinen rauspicken! Yeah 🙂 In Filmen à 36 Bilder mag ich mir das nicht vorstellen…

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PPS

Jetzt wird’s kompliziert. Die Bilder von Antje und Melissa sehen wie aus dem Leben gepickt aus. Aber sie entsprechen nicht 100 % der Realität. Weil ich hier jemanden weggelassen habe. Nicht weil er nicht mehr dazu gehört, sondern – wie Facebook es ausdrücken würde – weil es kompliziert ist. Es passiert immer wieder, dass Eltern unterschiedliche Wege gehen. Ich erlebe es bei Brautpaaren, Familien und im Freundeskreis. Im ersten Moment nimmt es mich mit, mein zweiter Gedanke ist dennoch, dass ich darüber nicht urteilen möchte.

Das einzige, was ich beobachte ist, dass wir in einer Zeit mit extrem viel Druck leben. Zu viel Arbeit, Geld, Konsum, Wahl, zu viele Reize, Informationen. Für das Miteinander bleibt zu wenig übrig. Das sich bewusst zu erkämpfen, bedarf viel Achtsamkeit und Verzicht. Dafür brauchen wir wohl diese Zeiten des Schmerzes.

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